KolumneKöhler

Die leidige Sache mit den Endungen

Ein junger Freund von 21 Jahren, aufgeschlossen und politisch häufig mit mir auf einer Wellenlänge, tut sich ausgerechnet mit einem Thema sehr schwer, das mir so am Herzen liegt, nämlich mit der sogenannten „geschlechtergerechten Sprache“, also dem –innen am Ende eines Wortes. 

Der Freund, der nebenberuflich manchmal auf Messen arbeitet, sagt, er verstehe die ganze Aufregung nicht. Ihm mache es absolut nichts aus, als Hostessbezeichnet zu werden, wenn die Mehrzahl der dort Arbeitenden nun mal Frauen seien. Warum ich es dann so dramatisch fände, als Lehrer, Schulleiter oder Genosse bezeichnet zu werden.

Vorweg: Ich finde es nicht dramatisch. Ich fühle mich nur schlicht nicht gemeint. Wenn auf einem Formular steht Unterschrift des Kunden, dann unterschreibe ich natürlich, aber ich denke, das bin ich nicht. Ich bin nun mal eine Kundin. Und ich wende mich auch gegen die Praxis, dass irgendwo in einem Formular im ganz Kleingedruckten steht, mit dem Wort Mitarbeiter seien auch die Mitarbeiterinnen mitgemeint.

Dass der junge Freund kein Problem mit dem „Mitgemeintsein“ hat, ich aber schon, könnte zwei Gründe haben. Erstens: Ich wurde 1967 geboren, er 1997. Er wurde in eine Welt hineingeboren, in der die Gleichberechtigung von Mann und Frau schon relativ weit fortgeschritten war. In eine Familie und familiäre Umgebung, in der Frauen selbstverständlich berufstätig sind und Männer und Frauen sich selbstverständlich die Familienarbeit (ziemlich) teilen. Ich aber bin mit den diesbezüglichen Kämpfen groß geworden. Mir hat man noch gesagt, Mädchen trinken nicht aus der Flasche, sind nicht so laut und bereiten sich lieber beizeiten darauf vor, ihren Männern später was Anständiges zu essen zu kochen. Ich habe erlebt, wie Frauen sich allmählich erkämpft haben, dass das Männliche nicht immer die Norm und das Weibliche die „Abweichung“ ist. Und ich lebe auch heute noch in einer Welt, in der der junge Freund, was die Berufsbezeichnung angeht, die Ausnahme ist. In der Regel wird nämlich, sobald der erste Diätassistent auftaucht, durchaus die Bezeichnung angepasst, weil man allgemein der Meinung ist, man könne den armen Mann ja nicht Assistentin nennen. Warum kann man mich dann Schulleiter oder Kunde nennen, ohne dass mich das stören soll?

Zweitens: Der junge Freund ist ein Mann. Er gehört, quasi von Geburt an, zur Norm. Dass das auch Einschränkungen zur Folge hat, hat er schon im Kindergarten erfahren, als man ihn dort wegen seiner lackierten Fußnägel ausgelacht hat. Aber die Welt wird immer offener, und für Männer ist inzwischen fast alles möglich. Die Norm erweitert sich. Aber sie bleibt, zumindest sprachlich, die Norm. Das wäre vielleicht noch in Ordnung, wenn Frauen eine Minderheit wären. Aber sehen Sie sich doch mal um – ich habe irgendwie nicht den Eindruck.

Ja, auch ich finde die gegenderte Sprache oft lästig und holprig und lasse selber das –innenmanchmal weg, um den Lesefluss nicht zu stören. Zufrieden bin ich mit der derzeitigen Lösung noch nicht. Aber das mit dem Mitmeinen, das akzeptiere ich erst dann, wenn alle Formulare und Texte immer abwechselnd ganz männlich und ganz weiblich formuliert sind. Dann müssen Männer eben auch mal akzeptieren, dass sie als Kundinbezeichnet werden. Warum auch nicht? Irgendwo unten im ganz Kleingedruckten steht ja schließlich, dass sie mitgemeint sind.

Eure Susanne Köhler