Frauentag 2026
Hallo. Ich bin Susanne, 58 Jahre alt und Schulleiterin. Allerdings wissen das meine Vorgesetzen und sämtliche Behörden noch nicht. Also wie ich heiße, wissen sie schon, und mein Alter und meine Adresse und meine Steuerklasse (und noch viel mehr) auch. Nur das mit dem Beruf wissen sie nicht, die meisten denken nämlich ganz offensichtlich, dass ich Schulleiter bin.
Dabei gebe ich mir schon seit Jahren so große Mühe, sie auf diesen Irrtum aufmerksam zu machen. Bei jeder Aufforderung Unterschrift Schulleiter schreibe ich ein kleines in dahinter, bevor ich meine Frederike-Wilhelmina darüber setze. Aber das Formular wird nie geändert.
Viele meiner Kolleginnen und Kollegen finden das nicht so schlimm. Manche, besonders die jüngeren, sehen mich mit diesem nachsichtig-mitleidigen Blick an, der wohl bedeuten soll, dass mein Sprach-Feminismus ziemlich old fashioned daherkommt. Die älteren sagen unverblümt, dass sie null Problem damit haben, mit der männlichen Form bezeichnet zu werden – sie wollen schließlich keine Sonderrolle spielen, sondern genauso bezeichnet werden wie die Männer.
Der Mann als Norm scheint also irgendwie auch im Jahr 2026 noch bei erstaunlich vielen Menschen gesetzt zu sein. Frauen bezeichnen sich entweder selbst als Arzt oder Lehrer, Kellner oder Konstrukteur. Oder finden zumindest nichts dabei, sich so bezeichnen zu lassen. Und so ist ja auch der gesellschaftliche Konsens: In fast jedem Formular lässt sich unter einem kleinen Sternchen lesen, dass Frauen hier mitgemeint sind. Manchmal liest man sogar, dass die neutrale Form gewählt wurde. Also die männliche.
Und wenn ich in Mitteilungen, Briefen oder Reden beide Formen benutze, trifft das tatsächlich bei vielen auf Gereiztheit. Schreibe ich: Bitte informieren Sie die Klasselehrerin oder den Klassenlehrer, klingt das angeblich zu umständlich. Gendere ich zur Vereinfachung, wird mir Sprachverstümmelung vorgeworfen. Benutze ich nur die männliche Form, sind alle erleichtert – endlich hat sie es kapiert. Und das denkt anscheinend auch ein Teil der 15 „mitgemeinten“ Kolleginnen.
Dabei frage ich mich oft: Wo liegt denn eigentlich das Problem? Unterschrift Schulleiter/in – wäre das denn schon die woke Weltrevolution? Und kann man digitale Formulare nicht ein einziges Mal überarbeiten und sie einfach in drei wählbaren Formen anbieten: männlich, weiblich, divers? Oder, wie in anderen Ländern längst üblich, offensiv nur noch von einer Lehrkraft zu sprechen, statt umständlich zu differenzieren? Was genau hindert uns als Gesellschaft eigentlich daran – die Angst davor, zu weichgespült zu wirken?
Zu meiner großen Freude und Genugtuung ist aber der Mann als Bezugsnorm zwar in der Behördensprache noch sehr stark präsent, aber in der wirklichen Welt nimmt diese Fixierung spürbar ab, besonders in der jüngeren Generation. Als Schulleiterin bin ich ja auch Lehrerin und habe meine Schulkinder auf die Probe gestellt: „Wer ist denn hier der Schulleiter?“ habe ich sie (in einem passenden Kontext) gefragt. Einen kurzen Moment herrschte irritiertes Schweigen, dann kam die Antwort: „Du bist doch die Schulleiterin.“
Und es gibt noch mehr Hoffnung. Ausgerechnet bei einem Fußball-Landesverband las ich kürzlich die Bezeichnung Besucher:innen und Besucher. Das ist vielleicht ein bisschen überambitioniert, aber allemal besser als Gleichgültigkeit, oder? Wäre das nicht ein gutes Motto für dieses neue Frauenjahr, das heute anbricht – lieber etwas zu viel als immer wieder viel zu wenig?
In diesem Sinne: Alles Gute zum Frauentag. Lasst euch nicht (nur) mit Blumen abspeisen!
Susanne Köhler
